Prof. Birgit Wilkes von der TH Wildau

Frau Professor Birigt Wilkes Vorsitzende der Jury des SmartHome Deutschland Awards und Leiterin des Instituts für Gebäudetelematik an der Technischen Fachhochschule Wildau. Zusätzlich war  Birgit Wilkes beschäftigt sich nicht nur damit, was der Mensch für Gebäude tun kann, sondern, was Gebäude für den Menschen tun können. Genauer: Sie erforscht die Umgestaltung von Wohnungen, die den Menschen entlasten, erinnern und beschützen. Wir haben mit ihr über das Wohnen der Zukunft gesprochen.

Wie kann man sich die Arbeit einer Gebäudetelematikerin vorstellen? Telematik ist ein Kunstwort aus Telekommunikation und Informatik. Telematik beschäftigt sich grundsätzlich mit intelligenten, vernetzten Dingen, viel auch mit dem Internet der Dinge. Als Gebäudetelematikerin beschäftige ich mit also mit intelligenten, vernetzten Dingen innerhalb von Gebäuden. Daraus ergibt sich ein riesiges Arbeits- und Forschungsgebiet. Deshalb habe ich mich auf die Themengebiete Energie und Demografie mit dem Schwerpunkt auf Wohngebäude beschränkt. Energieeffizienz wird in vielen Bereichen des Lebens immer wichtiger und im Wohnungsumfeld gibt es noch viele Einsparpotentiale. Auch der demografische Wandel steht auch vor der Tür, sodass Unterstützung für Menschen, die möglichst lange im eigenen Haushalt leben möchten, immer wichtiger wird. Auch telemedizinische Anwendungen spielen hier eine Rolle. Bei meiner Arbeit habe ich daher auch viel mit Menschen aus anderen Berufen, wie Ärzten, Pflegepersonal, Wohnungs- oder Energiewirtschaft zu tun. Das ist besonders spannend.

Sie waren verantwortlich für die technischen Einbauten der Musterwohnung des Quartierskonzepts "Pflege@Quartier“ - Was bietet solch eine smarte Wohnung für Senioren, was ein Pflegeheim nicht bieten kann und umgekehrt? Und wann könnten solche Wohnungen Alltag werden? Das Konzept von Pflege@Quartier hat zum Ziel, älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, lange selbständig in der eigenen Wohnung und mit aktiver Beteiligung im Quartier zu leben. Durch bauliche und technische Hilfen soll die Selbständigkeit und Aktivität und das soziale Miteinander im Quartier gefördert werden. In einem Pflegeheim ist der Tagesablauf durchgeplant und den Bewohnern wird viel abgenommen. Es ist beispielsweise nicht möglich, dass sie sich selbst Essen kochen. Vergisst ein Mensch in seiner Wohnung hin und wieder seinen Herd auszuschalten, kann ihm durch Installation einer automatischen Herdabschaltung geholfen werden, er oder sie muss deswegen nicht gleich in ein Pflegeheim. Diese Ansicht wird auch von den Betreibern von Pflegeheimen geteilt, denn es stehen zu wenig Plätze zur Verfügung.

Diese klassische Einteilung in das Leben in der eigenen Wohnung einerseits oder dem Umzug in ein Pflegeheim andererseits ist aus meiner Sicht überholt. Es gibt vielfältige andere Wohnformen wie selbstorganisierte Wohngemeinschaften, betreute Wohngemeinschaften teils auch mit Sozialstation um Quartier, Generationenwohnen usw., die in Zukunft jedem Menschen die Kombination aus Selbständigkeit, Sicherheit und Pflege bieten können, die er braucht und selbst möchte. In all diesen Wohnformen können auch technische Hilfen sinnvoll eingesetzt werden.

Angesichts des demografischen Wandels ist es dringend notwendig, geeignete Wohnungen und auch alternative Wohnformen mit technischen Hilfen für ältere Menschen anzubieten. Schon heute wird vom Pflegenotstand gesprochen, jedoch mit dem Fokus auf Pflegeeinrichtungen. Zukünftig müssen Wohnungs- und Pflegewirtschaft, soziale Einrichtungen sowie Technikanbieter übergreifend und gemeinsam Lösungen entwickeln und anbieten. Dies sollte schnell geschehen, denn das Altern unserer Gesellschaft ist nicht aufzuhalten.

Investiert Berlin genügend in neue Technologien? Wo muss mehr gemacht werden? Förderungen zur Entwicklung von Technologien gibt es recht viele. Schwieriger ist es, Smart-Home-Technologien im Markt zu etablieren, besonders im bestehenden Mietwohnungsbau. Hier fehlen Marketing- und Finanzierungsmodelle. Die einfache Strategie, dass derjenige zahlt, der einen Vorteil hat, greift bei Smart Home nicht, weil viele Parteien Vorteile haben. Dazu gehört natürlich der Mieter, im Fall älterer Menschen auch die Angehörigen, die Kranken- und Pflegekassen, die entlastet werden, und auch der Vermieter. Modelle zur Cross-Finanzierungen haben sich noch nicht etabliert.

Wie sieht das ideale energieeffiziente Gebäude von morgen aus? Das ideale energieeffiziente Gebäude berücksichtigt sowohl die Erzeugung eigener Energie, als auch ein intelligentes Energiemanagement. Energie, die vom Haus erzeugt wird, kann dort verbraucht oder gespeichert werden. Geräte werden so geregelt, dass möglichst viel selbst erzeugte Energie genutzt wird. Das Gebäude selbst verhält sich energieoptimal. Beispielsweise wird im Sommer starker Sonneneinfall erkannt und die Fenster verschattet, um zu starkes Aufwärmen zu vermeiden, im Winter wird der Wärmeeintrag durch die Sonne genutzt. Lüftungssysteme mit Wärmetauschern sorgen für ein angenehmes Raumklima mit guter Luft bei minimalem Energieverlust. Das Gebäude optimiert sich selbst.

Wie wird sich Wohnen in Zukunft verändern? Durch Smart Home können sich unsere Wohnumgebungen zukünftig an unsere ganz individuellen Bedürfnisse anpassen. Einige Menschen möchten Komfortfunktionen wie eine Musikverfolgung durch alle Räume, andere legen Wert auf Energieeffizienz oder Sicherheit. Es wird nicht die Standard-Smart-Home-Wohnung geben. Jeder Mensch wird sich die Funktionen wählen, die er haben möchte. Die Wohnung ist auch in der Lage, sich veränderten Lebensbedingungen der Bewohner anzupassen, sei es, dass sie Nachwuchs erwarten, altern oder auch krank werden. Enorm wichtig ist dabei, dass die Technik die normalen Lebensgewohnheiten nicht verändert und sich dezent in die Wohnumgebung einfügt. Sie muss an die Bewohner anpassbar sein, damit Bewohner ohne technische Kenntnisse genauso gut mit dem System umgehen können wie technisch affine Menschen. Außerdem muss der Bewohner jederzeit eingreifen und die Technik „überstimmen“ können. 

Wie sehen Smart-Home-Lösungen zum Beispiel in der stationären Pflege aus? Ein wichtiger Punkt in der stationären Pflege ist es, die Pflegekräfte von administrativen und allgemeinen Aufgaben zu entlasten. Außer der Unterstützung der Pflegedokumentation ist dies auch ein interessantes Einsatzgebiet für Roboter, die in das Smart-Home-System des Gebäudes integriert werden. Beispielsweise erleichtert der Transport von Wäsche durch Roboter die körperliche Arbeit von Pflegekräften. Aber auch Patienten können unterstützt werden. In einem Projekt hat sich gezeigt, dass Patienten, die zum Beispiel nach einem Schlaganfall wieder laufen lernen, als Begleitung sehr gerne einen Roboter akzeptieren. Eine Schwester hat so viel Dinge zu tun, dass viele Menschen sich selbst unter Zeitdruck setzen, ein Roboter hat sehr viel Zeit. Auch er kennt die Wege durch die Einrichtung und kann dem Patienten den Weg zum nächsten WC oder zu seinem Zimmer zeigen.

Wo können Smart-Home-Lösungen noch überall eingesetzt werden? Nicht nur im Wohnbereich sondern auch in der Industrie oder anderen Nutzbauten können smarte Technologien eingesetzt werden. Sie können die Sicherheit in den Gebäuden erhöhen, indem beispielsweise das Gebäude erkennt, wenn sich Menschen gefährlichen Maschinen oder Maschinenteilen nähern und sie im Zweifel abschalten. Auch in der Bibliothek der TH Wildau werden smarte Technologien zur Unterstützung der Nutzer eingesetzt. Sie können sich über eine App direkt zu einem gesuchten Buch navigieren lassen. Dabei wird das Buch geortet und muss nicht an seinem festen Platz im Regal stehen. Außerhalb der betreuten Öffnungszeiten weiß das Gebäude, ob Menschen in der Bibliothek sind und überwacht die Nutzung. Das Haus merkt auch, ob es in der Bibliothek zu laut wird und ein Roboter fährt dann zu den Nutzern, um sie freundlich zu ermahnen.

Sie sind Jury-Mitglied des SmartHome Deutschland Awards, welche Themen stehen dort auf der Agenda? Das Tolle beim SmartHome Deutschland Award ist, dass sich in den vier Kategorien Produkte, Projekte, Start-Ups und studentischen Leistungen alle Arten von Projekten und Systemen bewerben können, die etwas mit Smart Homes zu tun haben. Das Spektrum reicht von besonders komfortablen Bädern bis zu Hilfen für demente Menschen oder von einzelnen Geräten bis zu ganzen Häusern. Es ist ein breites Spektrum an Lösungen, das zeigt, wie vielfältig mittlerweile die Einsatzgebiete und der Markt geworden sind. Es macht ungeheuer viel Spaß zu sehen, welche tollen Ideen und Lösungen mit Smart-Home-Technik in den Köpfen entstehen und realisiert werden.

Wer kann sich für den SmartHome Deutschland Award bewerben? Es kann sich jeder bewerben, der zum Thema Smart Home etwas realisiert hat. Das können Firmen sein, die Produkte oder Projekte realisiert haben, aber auch Privatleute, die Smart-Home-Technologie für sich entdeckt und in ihre Wohnumgebung und ihr Leben integriert haben. Auch studentische Arbeiten und Projekte können beim Award eingereicht werden. 

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft aus? In der Stadt der Zukunft stellen Städtebau und Ökologie keine Gegensätze dar. Die Stadt bietet Wohnraum für Jung und Alt und ist durchzogen von grünen Plätzen, Höfen und Parks. Der Individualverkehr ist stark reduziert, denn zu jeder Wohnung ist auch individuelles Mobilitäts-Sharing dazubuchbar. Der öffentliche Nahverkehr ist in der Art des Transportmittels und der Routenwahl variabel. Die Infrastruktur in Quartieren und ein gutes Quartiersmanagement stärken den sozialen Zusammenhalt und die Nachbarschaft. Die Städte erzeugen einen großen Teil ihrer Energie dezentral selbst und managen Erzeugung, Speicherung, Verteilung und Verbrauch über ein Smart Grid, ein intelligentes Netz. Auf den ersten Blick ist diese Vision nicht unbedingt technisch orientiert, viele Ideen werden aber durch Technik unterstützt.

Könnten Sie bitte folgenden Satz beenden: „Berlin ist smart, weil… es so vielfältig und dynamisch ist.