©Philipp Plum, Frauenhofer FOKUS

Prof. Dr.-Ing. Ina Schieferdecker vom Fraunhofer FOKUS

Prof. Dr.-Ing. Ina Schieferdecker ist seit 1993 beim Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS tätig und leitet es seit Januar 2015. Das Fraunhofer FOKUS entwickelt als neutrale Forschungseinrichtung Lösungen für die Kommunikationssysteme der Zukunft. Es erforscht, welchen Beitrag Kommunikationsnetze leisten müssen, um das Zusammenleben komfortabler und sicherer zu gestalten und adressiert dabei wichtige Herausforderungen der gesellschaftlichen Entwicklung. Prof. Dr.-Ing. Schieferdecker beschäftigt sich auch mit IKT für smarte Städte.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit – warum kann das sehr gut zusammenpassen und muss sich nicht ausschließen? Digitalisierung und Nachhaltigkeit müssen zusammenpassen, um die Kraft der Digitalisierung für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele zu nutzen. Viele wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass man die Digitalisierung an den Nachhaltigkeitszielen ausrichten kann. Und um es ganz klar zu machen: Wir werden die Nachhaltigkeitsziele nicht ohne Digitalisierung erreichen können.

Welches Thema liegt Ihnen mehr am Herzen? Als Informatikerin, die grundständig Mathematik studiert und dann zum Dr.-Ing. promoviert hat, ist mir die Digitalisierung näher, aber am Herzen liegt mir gleichsam die Nachhaltigkeit. Als Mitglied des WBGU, dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen, wird mir in jeder unserer monatlichen Beiratsrunden bewusster, wie dringend der Handlungsbedarf ist. Und hier treffen beide Themen aufeinander: Auch in der Digitalisierung gibt es einen hohen Handlungsbedarf. Und wenn es gelingt die Umsetzungen an Nachhaltigkeitszielen auszurichten, sind wir alle gemeinsam viele Schritte weiter.

Berlin ist auf dem Weg, eine der Smart Cities Europas zu werden – vor welchen Herausforderungen steht die Stadt? Viele Innovationen lassen sich im öffentlichen Raum durch die Etablierung einer öffentlichen IT als öffentliche Infrastruktur realisieren, wie das Straßennetz, die Wasser- und Energieversorgung oder eben die Informationsversorgung und darunter die Bereitstellung und Anwendung sogenannter urbaner Daten. Zwar sind sie in Städten vielfach vorhanden, werden jedoch nicht strategisch genutzt und aufbereitet und liegen oftmals ungenutzt in sogenannten »Datensilos«.

Die siloübergreifende, systemisch an den Herausforderungen in der Stadt ausgerichtete digitale Vernetzung ist dazu entscheidend: In urbanen Datenräumen können solche Daten gebündelt bereitgestellt, aufbereitet und flexibel neuen Nutzungskontexten zugeführt werden. Wie in unserer jüngsten Studie dazu dargestellt, können Daten verschiedener Quellen und Qualitäten, die alles für die regionale Politik, Verwaltung, das Wirtschaften, das Arbeiten und Leben umfassen, leicht auffindbar und umgehend nutzbar gemacht werden.

Mit urbanen Datenräumen gehen wir nochmals weit über die bislang erfolgreich umgesetzten Open Data-Portale hinaus, da nun ebenso kommerzielle Daten, crowdsourced-Daten oder eben geschlossene, beispielsweise sicherheitskritische Daten gezielt aufbereitet und weiterverwendet werden können. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass urbane Datenräume einen Innovationsmotor darstellen und zudem effektiv unter Nutzung der Vorarbeiten vieler umgesetzt werden können.

Stichwort Open Data – warum ist dies ein wichtiger Schritt in Richtung Vernetzung? Hinter Open Data aus der öffentlichen Hand, steht der durch europäische Richtlinien und deutsche Gesetze verankerte Auftrag, dass Verwaltungen weite Teile ihrer Datenbestände für Dritte digital zugänglich machen – und, wo nötig, immer anonymisiert. Vielfältige Studien zeigen, dass in offenen Daten ein großes wirtschaftliches Potenzial steckt. Gleichsam helfen sie für eine nachhaltige Verwaltung und ein nachhaltiges Wirtschaften. Sie stärken nicht nur Transparenz und Nachverfolgbarkeit, sondern vermeiden ganz einfach den Aufwand mehrfacher Erfassung und dadurch bedingter möglicher Inkonsistenzen und Inkompatibilitäten.

„Smart“ wäre es nun, wenn Berlin seine vormalige Vorreiterrolle in Sachen Open Data wieder einnimmt und um das Konzept der urbanen Datenräume erweitert. So können neue Dienste entstehen, die das Arbeiten und Leben in der Stadt verbessern, zum Beispiel Mobilitätsangebote, die das Verkehrsaufkommen, Großveranstaltungen, das Wetter oder auch individuelle Bedürfnisse berücksichtigen.

Wo sehen Sie die Chancen für die Menschen, die hier leben und arbeiten? Berlin hat unglaubliche Chancen. Berlins wissenschaftliche Landschaft ist überragend: Die Ballung von vier Unis mit Informatik-Angeboten und vielen starken Digital-Initiativen, wie beispielsweise das Einstein Center Digital Future, das Leistungszentrum Digitale Vernetzung oder das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft, bieten die besten Voraussetzungen für die digitale Transformation. Das Angebot lockt daher viele Fachkräfte an. Nach Schätzungen des Berliner Senats werden in der Digitalwirtschaft bis 2030 weitere 270.000 Arbeitsplätze entstehen. Darauf muss sich die Stadt aber auch vorbereiten: Wie gelingt es, den Herausforderungen der wachsenden Stadt auch mit innovativen Ansätzen aus der Digitalisierung zu begegnen? Wie schaffen wir es, von Anfang an die Umsetzung mit der Nachhaltigkeit zu verbinden? Wie kommen die Innovationen letztendlich im täglichen Leben und Arbeiten der BerlinerInnen und der Gäste an? Im internationalen Vergleich kann Berlin nur profitieren, wenn die in der Stadt entwickelten und weltweit implementierten Lösungen in der Stadt selber zur Anwendung kommen.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Stadt? Dass sie so agil, kreativ und weltoffen bleibt wie sie ist, nur eben digitaler und smarter – und dass die urbanen Daten zur Verbesserung der Verwaltung, der öffentlichen Angebote und der Arbeits- und Lebensqualität aufbereitet und in Breite genutzt werden können.

Und was wünschen Sie sich von der Stadt? Dieselbe Kreativität und Agilität in der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten im öffentlichen Raum: Es könnten mehr erfolgreiche Pilotvorhaben in Kooperation und mit wissenschaftlicher Begleitung in die Breite gebracht werden. So engagiert sich beispielsweise das Smart City Netzwerk Berlin mit über 130 Akteuren der Stadt, neue Smart City-Ansätze in größere Umsetzungen zu bringen. Kleine Projekte erzeugen nur einen begrenzten Effekt im Anwendungsraum, erst eine Replizierung und Skalierung bringt sichtbare Effekte für die Stadt.

Wie sieht Berlin in zehn Jahren aus…? Smarter und so bunt und vielschichtig wie heute.

Zu guter Letzt: Könnten Sie bitte folgenden Satz beenden: „Berlin ist smart, weil… sie zu den führenden Standorten des digitalen Wandels in Wissenschaft, Forschung, Startups und demnächst hoffentlich auch im öffentlichen Raum weltweit gehört, Tendenz steigend.