© Hoffotografen

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Ramona Pop, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Berlin

Was bedeutet Smart City für Sie?

Wie die meisten Städte weltweit steht auch Berlin vor der Herausforderung eines starken Bevölkerungszuwachs´. In den vergangenen Jahren kamen jährlich etwa 50.000 Neuberliner in die Stadt, um hier zu leben und zu arbeiten.

Trotz dieses rasanten Wachstums haben Berlinerinnen und Berliner einen berechtigten Anspruch darauf, dass dieses Wachstums und damit auch knapper werdende Ressourcen nachhaltig gestaltet und optimal eingesetzt werden. Eine Smart City ist für mich entsprechend eine Stadt, in der verschiedene Lebensbereiche über moderne Technologien und einer guten digitalen Infrastruktur so miteinander vernetzt werden, dass es ihr gelingt, den Weg hin zu einer postfossilen Gesellschaft zu beschreiten, den Verbrauch von Ressourcen einzudämmen, die Wettbewerbsfähigkeit der lokalen und regionalen Wirtschaft dauerhaft zu erhöhen und insgesamt die Lebensqualität ihrer Bürgerinnen und Bürger nachhaltig zu verbessern.

Was macht konkret Berlin zu einer Smart City?

Eine der größten Herausforderungen der intelligenten Stadt von morgen ist es, nicht nur die Akteurs- und Sektorenvielfalt zu koordinieren, sondern Synergien auch sinnvoll zu nutzen.

Berlin ist und bleibt mit rund 40.000 neuen Unternehmen pro Jahr Gründerhauptstadt – gerade auch in den technologieorientierten Branchen wie IT, Life Science, Elektrotechnik und Anlagenbau. Insbesondere in den wachsenden, technologienahen Branchen verfügt Berlin über eine hohe Kompetenz, die sich in einem attraktiven Berliner „Sortiment“ manifestiert.

Ein Grund dafür, dass technologiestarke Unternehmen sich für den Standort Berlin entscheiden, liegt darin, dass diese Unternehmen in Berlin von einer in Deutschland einzigartigen Forschungs- und Hochschullandschaft profitieren können.

Berlin ist außerdem Deutschlands Digitalhauptstadt. Allerdings ist die Digitalisierung für Berlin kein Selbstzweck, sondern zentraler Hebel, der aus unserer Stadt eine Smart City macht. So haben wir in Berlin uns beispielsweise das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu sein.

Dieses Ziel lässt sich nur durch die Vernetzung der verschiedenen Energieträger, der Erzeuger, Verbraucher und der Energieinfrastrukturen erreichen. Konkrete Maßnahmen dafür finden sich auch in unserem Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) für die Bereiche Power-to-X, virtuelle Kraftwerke, dezentrale Energieerzeugung, Quartierskonzepte, vernetzte Mobilitätslösungen und Speicher wieder. Gerade letztere spielen in einem künftig flexiblen und smarten Energiemarkt eine wesentliche Rolle.

Auch die Mobilitäts- bzw. Verkehrswende spielt für uns, wie Sie wissen, eine entscheidende Rolle. Neben dem Ausbau der Fahrradinfrastruktur tut sich auch im Bereich der Elektromobilität eine ganze Menge. Wenn wir unser Ziel der Klimaneutralität weiter vor Augen haben, muss es das auch. Derzeit gibt es ca. 5.000 angemeldete E-Fahrzeuge in Berlin und 400 öffentlich zugängliche Ladesäulen (700 Ladepunkte), 9 davon Schnelladesäulen. Auch unsere landesbetriebe ziehen da am gleichen Strang: BVG, BWB, FBB und BSR setzen verstärkt auf Elektrofahrzeuge. Allein die landeseigenen Unternehmen haben mehr als 250 E-Autos in ihren Flotten. Über gemeinsame Projekt wie dem Smart Business District gelingt die Vernetzung von Energie und Mobilität.

Welche Maßnahmen und Projekte, die bereits umgesetzt werden, sind für Sie Leuchturmprojekte der Smart City Berlin?

Natürlich dürfen bei dem Gedanken an smarte Erfolgsprojekte nicht einzelne Leuchttürme zu sehen sein. Was zählt, ist die Vernetzung von Ansätzen, der Ausbau des smarten Ökosystems in der Stadt. Aber wenn Sie mich auf zwei der großen Leuchtturmprojekte in Berlin festnageln wollen, dann sind das für mich:

  • WindNode: Hier werden Nutzer in der Industrie, im Gewerbe und in großen Wohnquartieren identifiziert, die ihren Energiebedarf flexibel an die schwankende Einspeisung aus Wind- und Solarkraftwerken anpassen können. Weitere Flexibilitätsoptionen bieten sich außerdem durch Anwendungen der Sektorkopplung, also Strom, Wärme, Kälte und Mobilität.  
  • Und der EUREF-Campus: Hier wurde bereits vor mehr als zehn Jahren der Grundstein für ein Reallabor der Energiewende gelegt. Mit einer innovativen Gemeinschaft aus Wirtschaft und Wissenschaft, einer klimaneutralen Energieversorgung, dem intelligenten Energienetz, den energieeffizienten Gebäuden, der Erprobungsplattform für die Mobilität der Zukunft und den zahlreichen Forschungsprojekten wird hier tagtäglich bewiesen, dass die Energiewende machbar und finanzierbar ist.

Im Rahmen des Konsortialprojektes WindNODE realisieren die GASAG Solution Plus GmbH, die Stromnetz Berlin, GETEC, BLS Energieplan und EUREF Consulting eine Power to Heat / Cool Anlage. Ziel des Teilprojektes ist es, mithilfe einer 500 kW Power to Heat Anlage (P2H) in Kombination mit einer 200 kW Power to Cool Anlage (P2C) überschüssigen Strom aus Sonne und Wind aus dem Berliner Umland sinnvoll zur Wärme- und Kälteproduktion einzusetzen.

Auch abseits des EUREF Campus, nämlich mitten im Schöneberger Kiez und damit im Alltag trägt das WindNODE Projekt seine Früchte: die Schwarz-Gruppe, Betreiberin des Lidl an der Hauptstraße, ist dem Projekt mit dem Thema Lastflexibilisierung beigetreten.

  • Durch eine intelligente Steuerung der Energienutzung durch die Discounterfilialen und insbesondere durch eine Steuerung der Kühlaggregate / Kühltruhen kann die Energienutzung in den Filialen zeitlich flexibilisiert werden. So können die eine Kühlung von Tiefkühlgut auf -18 °C gewährleistenden Truhen bei vorhandenem Strom-Überangebot tiefer kühlen als -18°C (dem Kühlgut schadet das nicht), dafür dann aber die Kälte länger halten und brauchen nicht notwendigerweise linear mit derselben Kühlleistung gefahren zu werden.

Wo sehen Sie noch Potenziale?

Diese liegen sicherlich im weiteren Ausbau der digitalen Infrastruktur. So sind Breitbandnetze ein wichtiger Standortfaktor sowohl für Akteure der Smart City, wie unsere lebendige Start-up Szene dieser Stadt als auch für die rund 180.000 Unternehmen und Kleinstbetriebe in Berlin.

Insgesamt ist die die Ausgangssituation in Berlin (Versorgung mit mind. 50 MBit/s bei Privathaushalten: 90,6 %; bei Geschäftskunden: 97 %) gut; Allerdings ist die sogenannte „letzte Meile“ mit Glasfaser in Berlin mehrheitlich noch nicht ausgebaut. Diesen Anforderungen wollen wir gemeinsam mit den beteiligten Netzbetreibern, Infrastruktureigentümer wie Versorgungs- und Wohnungswirtschaft und den landeseigenen Unternehmen gerecht werden. Hierzu wurde ein Konzept und Maßnahmenbündel zum Glasfaserausbau mindestens bis zur Grundstücksgrenze entwickelt, das zügig umgesetzt wird

Dieses umfasst drei wesentliche Elemente: erstens eine Online-Breitband-Plattform, bei der eine interaktive Nachfrager- und Bedarfserfassung erfolgt und vielfältige Informationen zur Breitbandversorgung zur Verfügung gestellt werden; zweitens ein Breitband-Dialog Berlin, bei dem die Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure beim Breitbandausbau auf Fach- und Arbeitsebene koordiniert wird; und drittens das „Breitband- Kompetenzteams- Berlin“ zur Bereitstellung von Expertise, Konzeptions- und Coaching-Leistungen.

Was wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger in Berlin aus ihrer Sicht/aus ihren Erfahrungen?

Mehr Nachhaltigkeit, die auch in ihrer unmittelbaren Lebensumgebung sichtbar wird aber auch eine schnelle und unkomplizierte Umsetzung von Anliegen durch lebensnahe (d. h. digitalisierte) Prozesse. Außerdem wünschen sich die meisten Menschen einen sicheren und sauberen Transport durch die Stadt.

Wichtig hierbei ist, dass nicht die Politik oder der Staat allein die kommenden Probleme lösen kann. Die digitale Revolution und damit einhergehend das Konzept der intelligenten Stadt von morgen muss zu einem gesamtgesellschaftlichen Umdenken führen, denn die Probleme der Zukunft können nur partizipativ und bereichsübergreifend gelöst werden. Gerade mit Blick auf den globalen Klimawandel und knapper werdende Ressourcen müssen effektive und effiziente Lösungen gefunden werden, wobei das Konzept der smarten Stadt der Schlüssel sein kann. 

Was kann eine Stadt auf Bürgermeister-Ebene tun, damit Berlin als schnell wachsende Stadt für Berlinerinnen und Berliner lebenswert bleibt und ggf. noch lebenswerter wird?

Rund 75 % des globalen Energie- und Ressourcenbedarfs entfallen auf Städte. Gleichzeitig bietet die räumliche Nähe von Versorgern und Verbrauchern eine gute Voraussetzung für die Umsetzung integrativer Konzepte. Als Experimentierraum, in dem die Mehrzahl neuer Energietechnologien und Infrastrukturen implementiert werden, kommt Städten eine wichtige Rolle zu. Politik und Wirtschaft sind hier gleichermaßen gefordert, an intelligenten, zukunftsfähigen Lösungen zu arbeiten. 

Berlin ist bereits heute ein Labor, in dem daran gearbeitet wird, Ressourcen optimal einzusetzen und diese für eine höhere Lebensqualität zu verwenden. Die vielfältigen Datenbestände und die Infrastruktur der wachsenden Stadt müssen dafür noch stärker geöffnet und genutzt werden. Berlin war Deutschlands erste Stadt, die ein offenes Datenportal hervorgebracht hat. Dies gilt es auszubauen. Dies tun wir mit dem Projekt Data Hub Berlin, in das sämtliche Ansätze integriert werden sollen.

Außerdem modernisieren wir Berlin ökologisch. Mit der Entfesselung des Stadtwerks bringen wir die Energiewende in Berlin voran. Berlinerinnen und Berliner können nun lokalen Ökostrom beziehen. Wir haben damit einen modernen Energiedienstleister für die Stadt geschaffen, der auch ein wichtiger Akteur bei der energetischen Sanierung öffentlicher Gebäude ist. 

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft für Sie aus? Wie sieht Berlin 2050 aus/Wie sollte Berlin 2050 aussehen?

Berlin sollte in 2050 genauso wie heute Stadt der Freiheit sein. Tatsächlich steht Berlin zurzeit an einer Art Wendepunkt. Die Stadt hat sich zu einer echten Metropole entwickelt, sie wächst, es entstehen Arbeitsplätze, Menschen ziehen her, wirtschaftlich geht es voran. Bei allem Wachstum brauchen wir auch die Weitsicht, um diese Entwicklung nachhaltig zu gestalten. Eine lebenswerte Stadt hat nicht nur genügend bezahlbaren Wohnraum. Berlin darf auch nicht in Stickoxiden und CO2 ersticken. Der Ansatz der Smart City wird die Lebensqualität in Berlin auch in 2050 mindestens aufrecht erhalten haben.