© Darko Pribeg on Unsplash

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CO2-neutrale-Stadt: Musterschüler Berlin?

Berlin hat Klimaneutralität zu einem seiner Ziele für die Zukunft erklärt und dies entsprechend im Berliner Energiewendegesetz verbindlich festgelegt. Bis 2050 will die Stadt klimaneutral werden und die Kohlendioxidemissionen um mindestens 85 % (bezogen auf 1990) reduzieren – ein ehrgeiziges Ziel. Die öffentliche Hand will und muss mit gutem Beispiel vorangehen:  Zum Beispiel ist geplant, dass die Berliner Senats- und Bezirksverwaltungen ab 2030 CO2-neutral arbeiten, wobei unter anderem umfassende Gebäudesanierungen eine tragende Rolle spielen werden. So soll der Primärenergieverbrauch bis 2050 um 80 % gegenüber 2010 gesenkt werden.

Doch bei den Bemühungen der Verwaltung hört es bei Weitem nicht auf: Bereits jetzt arbeitet eine Reihe von Projekten in verschiedenen Stadtteilen darauf hin, Berlin so schnell wie möglich klimaneutral zu machen. 

So können sich die Bewohner des Gelben Viertels in Hellersdorf glücklich schätzen: Rund 3000 Mietparteien beziehen Solarstrom vom eigenen Dach, und das zu vergünstigten Konditionen. Möglich machen das 8000 Solarelemente, die 2012 auf die Dächer von circa 50 Gebäuden zwischen der Erich-Kästner-Straße und Carola-Neher-Straße montiert wurden – das entspricht einer Größe von sechs Fußballfeldern. Jährlich können somit rund 1400 Tonnen CO2 eingespart werden. Die Solaranlagen generieren ungefähr 40 bis 50 % des benötigten Stroms; den Rest liefert der Kooperationspartner LichtBlick zu Vorzugskonditionen.

In das Projekt wurden drei Millionen Euro investiert. Keine so große Summe, wenn man sich seinen immensen Nutzen vergegenwärtigt: Die Mieter sparen nicht nur Geld, sondern liefern auch noch einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz. Gleichzeitig erhöhen Projekte dieser Art die Sensibilität für Umwelt- und Klimathemen und dienen zugleich als Vorbilder für andere Stadtteile.

Auch in Spandau gibt es Bestrebungen, Mieter mit günstiger und umweltfreundlich produzierter Energie zu versorgen. 2014 startete die Gewobag am Falkenhagener Feld ein Pilotprojekt, bei dem knapp 1500 Wohneinheiten durch ein Blockheizkraftwerk im Quartier preisgünstigen Strom sowie Wärme beziehen. Laut Gewobag ermöglicht dies Einsparungen von bis zu 100 Euro pro Jahr pro Mietpartei.

Stark futuristisch mutet es am bzw. unter dem Potsdamer Platz in 15 Meter Tiefe an. Denn dort befindet sich das Versorgungszentrum (VEZ) - ein großes Logistikzentrum, das stark auf Nachhaltigkeit setzt. Dort unten wird das Leben oben erst möglich gemacht, denn um den Marlene-Dietrich-Platz leben und arbeiten schätzungsweise 10.000 Menschen. 100.000 Passanten sind dort täglich unterwegs. Sie alle wollen essen, einkaufen, Spaß haben und Kultur erleben. Dafür stehen 30 Restaurants und 130 Läden bereit – die täglich mit Waren beliefert sowie Abfälle und Müll beseitigt werden müssen. Und in Deutschland fällt reichlich Verpackungsmüll an, wie kürzlich eine Umfrage von Eurostat ergab: Der deutsche Durchschnittsbürger erzeugte 2016 220 Kilogramm Verpackungsmüll pro Jahr – der EU-Durchschnitt lag dagegen bei 167 Kilo pro Kopf.

Dass man am Potsdamer Platz jedoch nur sehr selten LKWs und Müllabfuhr zu Gesicht bekommt, liegt daran, dass sich alles unter Tage abspielt. Im VEZ werden täglich 180 LKWs an 19 Rampen mit Be- und Entladung abgefertigt. Eine eigens für das VEZ konzipierte hochmoderne und umweltschonende Müllentsorgungslage kümmert sich um mehr als 3500 Tonnen Abfall pro Jahr – in 13 Sorten trennt sie ihn und dampft Speiseabfälle auf ein Drittel ihres Volumens ein. Das Areal des VEZ misst fast sieben Hektar und verfügt über fünf Kilometer an Gängen, über die Elektroautos flitzen. Der Betreiber, die Firma Alba, macht es möglich. 1968 wurde Alba gegründet, als winziger Familienbetrieb. Damals trennte noch der Chef persönlich den Müll. Mittlerweile hat Alba insgesamt neuntausend Beschäftigte und macht einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro jährlich.

In Ruhleben wandelt die BSR jedes Jahr mehr als 60.000 Tonnen Bioabfall mit Hilfe von Mikroorganismen in klimaneutrales Biogas um und speist es ins Gasnetz ein – und zwar ohne, dass man dafür Mais oder Roggen benötigt und damit das Problem der Verknappung landwirtschaftlicher Flächen für die Nahrungsmittelproduktion noch verschärft.

Die BSR nutzt das Biogas, um ihre 150 gasbetriebenen Müllfahrzeuge zu betanken, die somit mehr als 60 Prozent des Berliner Rest- und Bioabfalls klimaneutral sammeln. Flüssige und trockene Gärreste verbessern die Böden der Brandenburger Landwirtschaft. Dadurch werden 9.000 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr vermieden. Und die BSR spart 2,5 Mio. Liter Diesel-Kraftstoff.

Ein weiterer positiver Effekt ist, dass durch den Umwandlungsprozess deutlich weniger Biomüll kompostiert werden muss. Das kommt ebenfalls dem Klima zugute, da beim Kompostieren die beiden klimafeindlichen Gase Methan und Lachgas in großen Mengen freigesetzt werden.

Berlin kann stolz sein auf seine vielen zukunftsträchtigen Innovativen zum Klimaschutz. Wünschenswert ist eine Vervielfachung oder eben einfach „nur“ die Verbreitung auch in andere Kieze und Quartiere. Dann sind die Klimavorgaben durchaus ein realistisches Ziel. Und was könnte eine Stadt lebenswerter machen als gute Umweltbedingungen?

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